Fußball-Freundschaft über Kontinente

TSV Bleidenstadt hat WM-Besuch aus Japan / Kontakte bestehen seit mehr als zehn Jahren

Wiesbadener Kurier vom 14.06.2006:

BLEIDENSTADT "Die Welt zu Gast bei Freunden" - das ist beim TSV Bleidenstadt der WM-Besuch aus Japan. In der Nacht zum Sonntag begrüßten die Fußballer aus Taunusstein, allen voran TSV-Vorsitzender Gerhard Rüppel, acht Mitglieder der "Nagahama Football Association" in Wiesbaden. Bis Mittwoch feiern die Gäste in Deutschland das große Fußball-Fest mit.

Von
Hannelore Wiedemann

Seit vielen Jahren schon verbindet die Bleidenstadter eine Freundschaft mit den japanischen Fußballern. 1993 lernte Rüppel in Wiesbaden den Manager der "Nagahama Football Association", Masahiro Ogaba, kennen. Ogaba, der damals ein halbes Jahr lang in Wiesbaden arbeitete, wurde flugs in die Fußball-Abteilung des TSV integriert: als Trainer und als Spieler. Als er dann schweren Herzens Abschied nehmen musste, versprach er, mit einer kompletten Jugend-Mannschaft zurück nach Deutschland zu kommen. Dieses Versprechen löste der Japaner schon zwei Jahre später ein: 1995 fand der erste Besuch statt, 1999 der zweite und beim 100-jährigen Jubiläum des TSV im Jahr 2001 war die "Nagahama Football Association" gar mit einer Delegation von 40 Leuten vertreten.

Natürlich statteten auch die Bleidenstadter ihren japanischen Freunden Besuche ab: 1998 reiste eine große Delegation nach Nagahama, etwa 250 Kilometer von der Stadt Osaka entfernt. 2002 machten sich Rüppel und sein Vereinsfreund Alfred Hollinger für eine Woche auf den Weg nach Nippon und erlebten dort ebenfalls die Weltmeisterschaft - eine sehr anstrengende Angelegenheit, wie Rüppel sich heute noch lebhaft erinnert.

Auch diesmal werden es für die Gäste zwar erlebnisreiche, aber auch kräftezehrende Tage: Nach ihrer Ankunft in der Nacht stand am Sonntag Vormittag ein Besuch bei der Abschlussveranstaltung von "Ballance 2006" auf dem Wiesbadener Kranzplatz auf dem Programm. Am Nachmittag ging es dann nach Bleidenstadt, wo ein ordentliches Barbecue auf die hungrigen Sportler wartete. Und natürlich Fußball.

Trotz hochsommerlicher Temperaturen hätten es sich die Japaner nicht nehmen lassen, selbst ein bisschen zu kicken, erzählt Rüppel. Bevor dann das Spiel Serben-Montenegro gegen die Niederlande über die Großbild-Leinwand im TSV-Sportlerheim flimmerte. In der Pause bis zur nächsten Übertragung rollte noch einmal der Ball über den Platz am Röderweg - auch das nächste Spiel verfolgten die Gäste noch. Doch die "Goal"-Rufe wurden immer leiser, und mit dem Schlusspfiff war auch für die reichlich erschöpften Gäste Schluss.

Bis zu ihrer Abreise am Mittwoch haben sie auch noch einiges vor: Den Höhepunkt des Besuchs erlebten die Japaner am gestrigen Montag: In Kaiserslautern sahen sie das Spiel Japan gegen Australien. Und am heutigen Dienstag machen sie sich auf den Weg nach Bonn, wo die japanische Nationalmannschaft Quartier bezogen hat.

Wenn sie Glück haben, können sie "ihre" Jungs dann noch einmal beim Training in Aktion beobachten. Am Mittwoch treten die acht japanischen Fußballer dann die Heimreise an. Auch die ist ein wenig beschwerlich: Weil die direkten Flüge bereits ausgebucht waren, müssen sie via ICE erst nach Amsterdam, von wo aus sie dann nach Osaka fliegen. Aber dann sind es ja "nur" noch 250 Kilometer bis nach Hause....


Fußball-WM in Japan 2002

Reiseerlebnisse von Gerhard Rüppel

Im Juni herrschte in vielen Ländern wegen der Fußballweltmeisterschaft in Japan und Korea der Ausnahmezustand. Für die Länder der beiden Veranstalter und die der Endspielteilnehmer galt das in besonderem Maß bis zum Finale. Jetzt ist wieder Normalität angesagt - und die Zeit der Bilanzen.

Keine Frage - Japan und Korea hatten ihre Hausaufgaben erledigt. Fulminante Stadien wurden eigens für die WM errichtet. Man kann nur hoffen, dass der ausgelöste Boom anhält und sie in Zukunft auch genutzt werden.
Zweimal konnte ich Japan während dieser Zeit eingehend vor Ort beobachten. Es war beeindruckend, die sonst eher zurückhaltenden Japaner während dieser Zeit zu erleben. Ausnahmezustand eben. Sie kamen aus ihren Fan-Trikots aller möglichen Länder kaum noch heraus und selbst bei Fernsehübertragungen auf Großleinwänden in lokalen Restaurants trugen sie jeweils die Trikots der beteiligten Länder. Gesichtsschminke hatte allerdings nur jeweils eine Wange für das zu begeisternde Land übrig, die andere Seite gehörte in der Regel den japanischen Landesfarben. Auf diese Weise kamen in seltsamer Vielzahl fast alle beteiligten Länder zu ihrem Recht.

Es waren vor allem friedliche Fußballspiele - auf dem Rasen und darum herum. Zwar war bei den Spielen der jeweils eigenen Länder ein gewisser patriotischer Geist nicht zu verdecken, aber es hielt sich in Grenzen. Ohne diesen Patriotismus würde sicher kein Veranstalterland in aller Regel soweit kommen. Das erkannten auch die Gastländer meistens rückhaltlos an, außer vielleicht die Presse in Italien und Spanien. Dass man dort mit Niederlagen nicht so gut umgehen kann und oft die Schuldigen überall, nur nicht bei sich selbst sucht, ist nichts Neues. Dass die Engländer, auch noch fünfzig Jahre nach Kriegsende, in ihrer Presse jede Gelegenheit zu nutzen versuchen, den "ungeliebten" Deutschen eine mitzugeben - auch nichts Neues. Sie brauchen ihre Einfalt. Das gilt nicht für alle Engländer, aber für ihre Boulevardpresse. In Europa sieht man das hier und da noch mit historisch bedingter Schadenfreude. Zumindest in Japan verstand diese Engländer niemand mehr. Man machte sich nur noch über sie lustig.

Für die Japaner war diese Weltmeisterschaft ein Stück Öffnung. Sie gaben in vielerlei Hinsicht ihre historisch bedingte Zurückhaltung auf. Umarmungen und Abklatschen wurden fast selbstverständliche Handlungen. Anfangs noch distanzierte Verbeugungen wichen während dieser WM schnell europäischen Verbrüderungsszenen, auch wenn es vielleicht manchmal noch etwas linkisch wirkte. Dennoch - auch für Japan wurde Sicherheit groß geschrieben. Tausende von Polizisten begleiteten die fast ausschließlich friedlichen Fußballfans aller Länder zu und aus den Stadien. Man wollte offensichtlich kein Risiko eingehen. Besonders beim Abmarsch aus den Stadien in Shizuoka und Osaka hatte man oft den Eindruck, dass die vielen Einsatzkräfte den Abzug der Fans eher verzögerten als beschleunigten.

Mehrfach wurde beklagt, dass die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Japan von zu wenig heimischen Fans unterstützt wurde, was bei den horrenden Preisen kaum jemanden wundern konnte. Beim Vorrunden - Show - Down gegen Kamerun in Shizuoka wurde die deutsche Fan-Kolonie zumindest durch zwei "Bleischter" verstärkt. Alfred Hollinger und Gerhard Rüppel vom TSV Bleidenstadt flogen von Frankfurt nach Nagoya. Dort wurden sie von ihren Freunden der Nagahama - Football - Association in Empfang genommen, die den TSV erst im letzten Jahr anlässlich seines hundertjährigen Jubiläums besucht haben.
Eine Einladung der Fußballfreunde aus Nagahama machte den einwöchigen Trip einigermaßen kostengünstig möglich. Nagahama liegt am Lake Biwa, dem größten japanischen Binnensee auf der Hauptinsel Honshu, im Umfeld von Kyoto und Osaka. Von dort aus fuhren Hollinger und Rüppel mit dem Shinkansen, dem japanischen ICE, gemeinsam mit ihren japanischen Freunden nach Shizuoka an der japanischen Pazifikküste zum entscheidenden WM-Vorrunden-Spiel gegen Kamerun. Im Gepäck hatten die beiden acht Eintrittskarten, die der DFB vermittelt hatte, was besonders die Japaner freute, die im eigenen Land keine Eintrittskarten bekommen konnten. Dafür halfen die fernöstlichen Freunde kräftig mit, das deutsche Team zu unterstützen.

Wie klein die Welt bei einer Fußball-WM werden kann, zeigte sich nach dem letzten Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft gegen Kamerun in Shizuoka. Wir trafen den HFV - Präsident Rolf Hocke mitten im Gewimmel der abziehenden 47.000 Zuschauer. Klar, dass sich Rolf Hocke (Mitte), Gerhard Rüppel (rechts) und Alfred Hollinger (dritter von links) mit den japanischen Freunden dem Fotograf stellten.

Zum Programm gehörte auch noch der Besuch des Spieles England gegen Nigeria in Osaka und zahlreiche Besichtigungstouren in den Gegend um den Lake Biwa und natürlich auch in die alte Kaiserstadt Kyoto. Unsere japanischen Freunde von der Nagahama - Football - Association mit Präsident Takao Kawabe und Manager Masahiro Ogawa an der Spitze, hatten unseren Aufenthalt gut vorbereitet. Auch Alfred Hollinger und ich, wir hatten uns präzise vorbereitet und vier Monate an der Volkshochschule einen Japanisch-Kurs belegt, so dass auch die Verständigung ohne Dolmetscher einigermaßen gelang.
Als Polizeibeamter habe ich natürlich auch die Polizeistation in Nagahama besucht. Polizeichef Mr. Seki, oder besser Seki-san, freute sich über uns deutsche Gäste und wir hatten einen längeren interessanten Gedankenaustausch. Wir stellten fest, dass sich die Arbeit der Polizei zwischen Japan und Deutschland nicht so sehr unterscheidet, auch nicht die Rahmenbedingungen. In der 60.000-Einwohner-Stadt Nagahama machen 78 Polizisten Dienst. Vergleichbar ist der Dienstbezirk vielleicht mit einer ländlichen Region wie Marburg - Biedenkopf.
Höhepunkt des Besuchs bei der Polizei Nagahama war eine Fahrt mit der Coast -Guard, der japanischen Wasserschutzpolizei auf dem Lake Biwa, von der Größenordnung vergleichbar mit dem Bodensee. Dazu luden die japanischen Kollegen ein.
Nach einer guten Woche und dem Ende der Vorrunde verabschiedeten wir uns auf dem Flughafen Nagoya, wo 2005 die EXPO stattfindet, von unseren japanischen Freunden. Ich dachte nun auch, dass es für dieses Jahr die Reise nach Japan gewesen ist. Wer glaubte zu diesem Zeitpunkt schon daran, dass Deutschland ins Finale kommen würde. Scherzhaft vereinbarten wir, nach Japan zurückzukommen, wenn Deutschland und Japan ins Finale kämen. Die Japaner selbst mussten sich aus ihrem Turnier verabschieden, aber Deutschland blieb es vorbehalten, dafür zu sorgen, dass Korea nicht zum Endspiel nach Japan einreisen musste. Man stand plötzlich selbst im Endspiel gegen Brasilien. Kaum eine Minute nach dem Halbfinale meldeten sich unsere japanischen Freunde am Telefon. Es brauchte nicht viel Überzeugungskraft und drei Tage später saß ich mit vier vom DFB vermittelten Eintrittskarten erneut im Flieger, diesmal nach Osaka. Kawabe-san und Ogawa-san holten mich am Kansai-Airport ab und einen Tag später fuhren wir hinauf nach Yokohama. Das Endspiel war ein großes Erlebnis, auch wenn unsere deutsche Mannschaft es mit 0:2 verloren hat.

Wieder zwei Tage später ging es bereits wieder zurück nach Deutschland. Geblieben sind die wahnsinnigen Eindrücke von zwei Japan-Besuchen bei Freunden, die uns den Aufenthalt hervorragend gestaltet haben. Wir erlebten eine Fußball-WM im fernöstlichen Japan, was allein schon eine riesige Sache. Wir erlebten allerdings auch Japan hautnah, mit unseren japanischen Freunden, wie es kaum ein Tourist je erleben kann. Unsere Freundschaft hat sich vertieft und wir werden sie zwischen der Nagahama - Football - Association und unserem TSV weiter pflegen, denn das ist es, was uns nur der Sport ermöglicht. Ohne den Sport hätten wir Japan und unsere Freunde nie so kennen gelernt.

Zum Abschluss meines Berichtes möchte ich noch einige Bilder zeigen:

Empfang am Nagoya-Airport.
V.l.n.r.:
Hollinger, Tomita, Rüppel, Iseki, Ogawa, Harada.
Die Organisatoren vor dem Goldenen Tempel in Kyoto.
v.l.n.r.:
Kawabe, Rüppel, Ogawa.
Auf dem Lake Biwa, dem größten japanischen Binnensee:
Alfred Hollinger (links) und Gerhard Rüppel.
Polizeistation Nagahama:
Gerhard Rüppel mit Polizeichef Seki-san.
Gerhard Rüppel zwischen jugendlichen japanischen Deutschland-Fans.
Endspiel in Yokohama: Deutschland gegen Brasilien.
v.l.n.r.:
Rüppel, Tomita, Kawabe und Yamaguchi.